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Welcome to my blog. This is a place where I think out loud, show you what I’m up to in the studio, share impressions of inspiring events or everyday moments that moved me. Some entries are carefully curated essays, others are just a few thoughts, sometimes written in English and sometimes in German.

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Nora Kovats Nora Kovats

2022 Rückblick

 Zweitausendzweiundzwanzig. Ein Jahr wie ein Karussell: voll, bunt, wirbelnd, viel zu schnell, und abwechslungsreich. In diesem Rückblick möchte ich nochmal einige der wichtigsten Erlebnisse revue passieren lassen.

Rückblick 2022

Ein Rückblick über das bunte, bewegte Jahr 2022.
Auf Deutsch.

 Zweitausendzweiundzwanzig. Ein Jahr wie ein Karussell: voll, bunt, wirbelnd, viel zu schnell, und abwechslungsreich. In diesem Rückblick möchte ich nochmal einige der wichtigsten Erlebnisse revue passieren lassen.

Da im Januar fast nichts in Bamberg passiert (alle erholen sich noch von der Weihnachtszeit), und noch weniger in der zeitgenössischen Schmuckszene, nutzten wir diese Zeit, zu meiner Familie in den Süden zu flüchten. Unsere Südafrikareise war von traumhaft schönen Naturszenerien, kostbarer Zeit mit meiner Familie und bürokratischen Kämpfen geprägt.

An der Küste begegne ich immer meinem inneren Kind; diesem energiegeladenen, endlos zu begeisterndem Wesen, dass in die Gezeitentümpel eintaucht, dass unter Wasser atmen kann, in der Luft schwimmen und zwischen den Sternen tanzen.

Seeanemonen und anderes Getier zieren die Gezeitentümpfel an der Felsenküste von Hermanus. Einen ausführlicheren Einblick in diese Reise gibt es in meinem Blogeintrag zu diesem Thema.

Alvaro sammelt während einer Wanderung oben auf dem Tafelberg schneeweißen Sand - der später in diesem Jahr zum Einsatz kommen soll. Anders als vielleicht erwartet ist es oben auf dem Tafelberg überhaupt gar nicht flach, sondern hügelig, mit verschiedenen Mikroklimazonen und Ökosystemen, und es gibt sogar Stauseen dort oben.

Zurück in Bamberg erscheint in der Märzausgabe des Stadtecho ein Artikel über uns und unser Atelierprojekt NONNE 11.

Und es wird Frühling! Wer mich kennt, weiß, wie sehr mich die Jahreszeiten prägen, wie ich das Wachsen, Blühen und Sterben der Natur jährlich aufs Neue miterlebe, mitfühle. Die ersten Blüten im Frühling, das Vogelkonzert, das Hellerwerden der Tage löst in mir eine gewaltige Dopaminausschüttung aus.

 Zum Jaresbeginn zeigten Alvaro und ich im Rahmen der Europäischen Tage des Kunsthandwerks in unserem Atelier einige Handwerkstechniken: Es gab Vorführungen zu den Themen Emaillieren, Patinieren und Sandguss. Dabei war es unsere Absicht, diese traditionsreichen Handwerkstechniken wirklich erlebbar zu machen: Wir wollten die Geschichten hinter der Faszination Handwerkskunst erzählen und herausarbeiten, warum dieser Schaffensprozess uns Menschen so tief berührt.

In eigener Praxis arbeitete ich zwischendurch an besonderen Stücken, an üppigen Emaillecolliers, Statement-Ohrringen und Broschen für kommende Verkaufsausstellungen, Messen und Wettbewerbe.

Eine Symphonie aus Blautönen und Süßwasserperlen wie Sylphen-Tränen entsteht auf meinem Arbeitstisch. Das Collier ist momentan in der Galerie Pasori in Bad Homburg erhältlich.

Ich, und die Emaillefarben, und das Hörbuch. Mit Hörbüchern und Lieblingspodcasts tauche ich stundenlang in einen Flowstate, in dem ich weder das Vergehen der Zeit noch Müdigkeit spüre, auch wenn ich die ganze Zeit auf den Beinen bin.

Im Hain gibt es jetzt Bärlauch; mein Interesse an essbaren Wildpflanzen kann sich endlich voll entfalten, denn außer Brennnesseln und zaghaften grünen Frühlingsblättern für den Salat gibt es endlich “echtes” Wildgemüse draußen. Seit einigen Jahren schon fasziniert mich das Thema, aber erst hier in Bamberg finde ich gute Sammelorte, die mir nicht von Tieren und Menschen verseucht scheinen.

Alvaro präsentierte eine Vorführung zum Thema Patina. Dabei wird Schwefelleber langsam in Wasser aufgelöst und über einer Flamme erhitzt. Darin werden Schmuckstücke aus Silber bläulich-schwarz gefärbt.

Zu den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks zeigte ich in einer Emaillevorführung, was mich an dieser alten Schmucktechnik so fasziniert. Mehr dazu habe ich hier in diesem Blogeintrag übers Emaillieren geschrieben.

Der schwiegermütterliche Garten, verwunschen, mit dunklen Nadelbäumen und hellen Tulpenfarbpunkten, in all seiner Oster-Pracht.

Zu Christi Himmelfahrt findet jedes Jahr das Haxthäuser-Hof Schmucksymposium statt (ehemals Zimmerhof). Hier treffen sich Jung und Alt der zeitgenössischen Schmuckszene zum Austausch. Dieses viertägige Event (das auf Englisch stattfindet) ist inzwischen recht international besucht; Referent:innen und Besucher:innen kamen aus den USA, Belgien, Australien, Dänemark, Holland, Ungarn und natürlich aus dem deutschsprachigen Raum. Es gibt Vorträge von Schmuck-Experten diversester Hintergründe und Themenbereiche, dazu werden alle Anwesenden wunderbar bekocht und abends laden Bar, Lagerfeuer und Tanzboden zum weiteren Austausch ein. Die kreativen Batterien werden wieder neu aufgeladen.

Der Schmucktisch: Ein Highlight des Symposiums. Hier legen alle Teilnehmenden, die möchten, ein selbst gefertigtes Schmuckstück auf einen langen weißen Tisch. So kann jeder sich ungezwungen Feedback zur eigenen Arbeit erfragen, oder andere Arbeiten sehen und sich an der Fülle der geballten Kreativität ergötzen.

Im Juni feierten wir unser einjähriges Bestehen als NONNE 11 mit einer Sommerausstellung - für uns in dieser Zeit, geprägt von Corona, Krieg, Inflation und allgemeiner Entropie, doch ein bedeutender Meilenstein. Durch Zufall ergab sich eine wunderbare Kooperation mit dem Bamberger Komponisten Jochen Neurath, der eigens für den Atelierraum das experimentelle Konzert KOSMOS/WELLEN für Kontrabassklarinette und Kontrabass schrieb.

Jochen bei einer Probe im Atelier NONNE 11: Es entsteht ein spannungsvoller, mit den Erwartungen der Zuhörer spielender Dialog zwischen den beiden Musikern.

Alvaro und ich mit Jochen Neurath und den beiden Musikern, die dieses Musikprojekt verwirklicht haben: Marc Lardon auf der Kontrabassklarinette und Stephan Goldbach auf dem Kontrabass.

In dieser Zeit perfektioniert Alvaro seine Ringkollektion Terra et Ignis. Dabei ist jeder Ring, aus Erde und Feuer geboren, ein Einzelstück, manchmal sogar mit direkt eingegossenem Stein. Dafür können nur Steine verwendet werden, die den enormen Hitzeschock des flüssigen Metalls auch aushalten: Rubine, Saphire und Diamanten. Edelsteine finden wir inzwischen fast ausschließlich über Unternehmen, die sich auf fair gehandelte Steine spezialisieren oder Altbestände wieder in Umlauf bringen. Eine besonders inspirierende Schatzkammer haben wir bei David Feulner von der Firma Robert Schütt Witwe in Pforzheim entdeckt. David besuchte uns hier im Atelier NONNE 11 und erzählte in einem Artist Talk Geschichten über Edelsteine. Die Firma Schütt verkauft nur noch wiederverwertete Edelsteine aus Altbeständen, teilweise auch neu geschliffen. Das Motto lautet: No more mining!

Dieser Sommer war eine Saison der Feste: Ausstellungen, Hochzeiten, Abschlüsse und Neuanfänge.

Meine Cousine Manu spielte ihr Uni-Abschlussexamen auf der Borockgeige in Utrecht, mitten im botanischen Garten.

Zwischen allen Feierlichkeiten gab es einen Messeauftritt für mich auf der “Handwerk & Design” in München. Wegen einiger coronabedingter Ausfälle war die Messe, die normalerweise im März zeitgleich mit der Munich Jewellery Week stattfindet, zum ersten Mal im Sommer. Trotz trauriger Besucherzahlen war es doch ein erfolgreiches Messeerlebnis mit vielen guten Begegnungen. Hier bin ich mit einem Hut meiner Standnachbarin Nada Quenzel zu sehen.

Foto von Rainer Wiencke.

Die Wochen zwischen Ausstellungen und Messen nutzen wir zum weiteren Ausbauen unserer Kollektionen. Wir schaffen im Atelier… ich arbeite an meiner Emailletechnik, sammle Farben, Alvaro experimentiert im Sandguss und arbeitet an seiner Memorabilia-Kollektion.

Meine Emaillefarben dokumentiere ich gerne mit Farbmustern, sodass ich einen Überblick behalte, welche Farben und Farbkombinationen möglich sind. Oft hilft ein Blick auf die Farbpalette, genau den richtigen Rotton oder das perfekte Grün für ein bestimmtes Projekt zu finden.

Zwischendurch gibt’s selbstgemachtes Crème Brûlée; der Gasbrenner ist bei uns vielseitig einsetzbar.

Im Juli/August bekommen wir beide ein Stipendium des Freistaats Bayern „Junge Kunst und neue Wege“, jeweils mit 5000 € dotiert. Es ist eine Ehre und eine Erleichterung, kreative neue Projekte entwickeln zu können, ohne direkt an ihre Verkäuflichkeit denken zu müssen. Alvaro entwickelt seine Memorabilia-Kollektion, verbringt Stunden mit dem Sortieren und Komponieren getrockneter Pflanzen. Ich zeichne Entwürfe für eine neue Kollektion; sie soll plastischer, dreidimensionaler, vielschichtiger als die bisherige Arbeit sein. Dazu experimentiere ich mit Emailletechniken, versuche dabei taktilere Oberflächen und emotional ausdrucksstarke Farbkombinationen zu finden, um anhand der Experimente eine neue Kollektion zu entwickeln. Als Prototyp entsteht momentan ein Statement-Collier, das wie ein tragbarer Paradiesgarten, ein atmendes Ökosystem aus Fungi, Ranken, Blüten und Knospen, fast lebendig wirken soll. Der Januar und Februar 2023 - mit weniger Ablenkung von Außen und mehr Luft zum kreativen Arbeiten - soll komplett dem Projekt gewidmet sein.

Sommer! Ein ganz alltäglicher Wiesenstrauß schmückt den Küchentisch und lässt mich immer wieder staunen, welch üppige Vielfalt auf einigen wenigen Quadratmetern zu finden ist. An Wochenenden oder lauen Sommerabenden treibt es mich ins Bamberger Umland, und ich erkunde die Wanderwege um die Altenburg, die Pfade, die den Michelsberger Wald kreuzen, oder den Hain bis über Bug in den Bruderwald auf endlosen Spaziergängen. Beim Gehen fällt mein Denken in einen tranceartigen Zustand, in dem ich nicht nur viele Probleme durchdenke, sondern auch oft eine Art gedankliches Reinigungsgefühl und einen tiefen inneren Frieden empfinde.

Es entstand bläulich-florales Geschmeide: aufwendig emaillierte Ohrhänger mit Tahitiperlen und blassgelben Diamanten im Rosenschliff. Diesmal für keine Kundin, sondern für mich selbst, als Hochzeitschmuck.

Auf der benachbarten Baustelle wurde ein Schutthaufen, auf dem schon seit Monaten die schönsten Sonnenblumen halb wild wuchsen, umgegraben, die Blumen achtlos beiseite geworfen. Ich beobachtete das Massaker aus dem Küchenfenster und lief natürlich sofort rüber. Danach zierten drei gigantische Sonnenblumensträuße eine Zeitlang unsere Wohnung. Die Tasse - meine tagtägliche Kaffeetasse aus der niemand außer mir trinken darf - hat meine Großmutter getöpfert.

Zum Thema Trauringe: gar nicht so einfach, sich zu entscheiden. Unsere, jeweils füreinander gefertigt, sind aus 900er Gold mit einem rötlichen Schimmer, wie die letzten rotgoldenen Strahlen der untergehenden Sonne, Golden Hour. Die Ringe sind im Sandguss hergestellt, mit selbst gesammelten Sanden vom Tafelberg in Kapstadt und vom Walberla in der Fränkischen Schweiz - symbolisch für unsere jeweiligen Heimatsorte.

Im September besiegelten Alvaro und ich unser Beisammensein formell. Unser Hochzeitsfest, ein Sonne-und-Mond-Zeremoniell, fand im kleinen Rahmen statt. Ein besonderes und intensives Wochenende, voller kostbarer Augenblicke, Bubbles, Lachen, Anspannung, den besten Wünschen, fränkischen Brotzeiten, südafrikanischen Weinen, und vielen emotionsgeladenen Begegnungen. Und da war der Birnbaum im Garten unserer Feierlocation, blühend im September, wie eine Schneekönigin, ganz in der falschen Jahreszeit, vielleicht eine Notblüte wegen der großen Trockenheit im Sommer, vielleicht auch einfach extra für uns als Geschenk des Himmels.

Unsere Trauung konnte - gerade in einer dramatisch beleuchteten Regenpause - unter freiem Himmel stattfinden. Danke Jonas für das Foto.

Es gab noch ein paar kostbare Tage gemeinsam in Bamberg mit Mutter und Bruder, die speziell für die Hochzeit aus Südafrika angereist waren - dann gings wieder in den Alltag über, und zwar in die Vorbereitung der anstehenden Messen.

Am 3. Oktober fand zum ersten Mal seit der Pandemie wieder der Bamberger Antikmarkt statt. Ich bedauerte, nicht kleiner zu sein, bzw. dieser Marienkäfer nicht größer.

Im Oktober verbanden wir zwei Messeauftritte in Berlin und Leipzig an aufeinanderfolgenden Wochenenden zu einer zweiwöchigen Messetour. Ich stellte auf der Zeughausmesse aus, mit Alvaro als Wingman (bei meinem 4-Meter-Stand eine Notwendigkeit). Zum ersten Mal fand die Zeughausmesse nicht im Deutschen Historischen Museum Berlin statt. Wegen größerer Renovierungsmaßnahmen im Museum kann die Messe dort nicht mehr stattfinden, und so haben die Veranstalter im KühlhausBerlin eine geeignete Alternative gefunden. Die Zeughausmesse, wie sie im Zeughaushof des DHM stattfand, war bestimmt beeindruckend mit der hohen Glasdecke, den steinernen abgeschlagenen Köpfen von besiegten Feinden, und dieser feierlich-formellen Aura des Historischen. Aber die Messe dort war auch ein wenig festgefahren, eingeengt von den Grenzen des Raums und den Erwartungen des Museumspartners. Mit seinem industriellen Ambiente und einer mehrstöckigen offenen Galerie schafft das Kühlhaus - finde ich - den perfekten Raum für eine Messe, die zeitgenössisch sein will, die sich an den neuesten Strömungen der Angewandten Kunst orientieren will.

Meine persönliche Messeerfahrung auf der Zeughaushausmesse war in diesem Jahr durchaus positiv, im Gegensatz zum vergangen Jahr. Es gab interessante Begegnungen, Kundengespräche, ein nettes kollegiales Miteinander, und Verkäufe. Allerdings konnten nicht alle Kolleg:innen meine Meinung teilen; viele schienen um ihr altes Stammpublikum aus dem DHM zu bangen. Ich denke, dass zwar manche Stammkunden den “Umzug” nicht mitmachen, dafür aber ein neues - und jüngeres - Publikum vom Kühlhaus angesprochen wird. Mit guter Pressearbeit, Durchhaltevermögen und einer positiven Einstellung kann die “neue” Zeughausmesse im Kühlhaus noch besser werden als die alte.

Die Grassimesse im Grassimuseum Leipzig überzeugt jedes Jahr aufs neue mit einer starken Auswahl an qualitativ hochwertiger Gebrauchskunst, und vor allem mit der durchdachten Kuratierung (seit Beginn der Pandemie werden Aussteller:innen der Messe teilweise auch in der historischen Sammlung des Museums ausgestellt, dabei entsteht ein spannender Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und historischen Objekten). Alvaro stellte also hier aus, und ich assistierte. Er war, passend zu den Themen seiner Arbeit, in der Nördlichen Renaissance angesiedelt. Insgesamt waren diese Tage für uns ein beflügelndes und ermutigendes Messeerlebnis, denn wir konnten beobachten, wie viele Besucher:innen ernsthaft von Alvaros Schmuckstücken berührt waren.

Beutebild! Wieder zu Hause nach den Messen machte ich lange Herbstspaziergänge und streifte durch die Wälder. An einem besonders ereignisreichen Pilzsammeltag (begleitet von einem Freund, der erfahrener Pilzkenner ist) brachten wir so reiche Beute heim, dass ich mich zu diesem Jagdbild auf dem Küchentisch hinreißen ließ. Es folgten Pilz-Pasta-Saucen, Pilzrisottos und ein wild-waldig schmeckender Wintereintopf mit Rotweinsauce und Maronen. (P.S. Weiß jemand, wo in Bamberg man gutes Wild herbekommt? Für mich immer noch die ökologischste und sozial akzeptabelste Art, Fleisch zu essen.)

Manche Pilze, wie der hier links, sind einfach nur schön und nicht unbedingt für den Kochtopf gedacht. Als Muster-Sammlerin bleibt mein Auge immer an solchen Bildern hängen, ob bei Pflastersteinen, gestapelten Holzscheiten, Blättern, oder Pilzlamellen.

Inspiration für weitere Blätterfresser, die inzwischen zu einer über viele Jahre andauernden Serie geworden sind. Hier sind zwei Lebenswillen ineinander verzahnt: Ein kleines Knabberwesen auf der Suche nach Nahrung, und ein größeres Pflanzenwesen auf der Such nach Licht. Ein für unsere menschlichen Ohren stilles Drama, eine Geschichte von Geben und Nehmen und Überleben, vom Trotzen. Die Blätterfresser erzählen vom tödlichen Leben, vom lebendigen Sterben. Sie erinnern daran, dass nichts ewig ist, und doch alles immer wiederkehrt. Daran, dass auch wir Narben und Fraßspuren sammeln, die oft nur den Überlebenswillen anderer Wesen auf unseren Körpern und Seelen markieren. Der Herbst bleibt meine Lieblingsjahreszeit.

Übrige Zeit und Energie wird in kleine Verbesserungen des Ateliers gesteckt. Gerade rechtzeitig vor der dunklen Jahreszeit installierten wir eine neue Schaufensterbeleuchtung, sodass unsere Schmuckkreationen auch am Abend und bei Nacht im Schaufenster betrachtet werden können. Der Unterschied zum Schaufenster vorher ist gewaltig; das hell erleuchtete Fenster strahlt eine Lebensfreude aus, die wir alle in dieser Zeit so dringend brauchen.

Im November stellten wir die Arbeiten des Metallgestalters und Gold- und Silberschmiedemeisters Tim Udvardi-Lakos aus. Tim verbindet traditionelles Handwerk mit modernem Design, und zeigte Werke aus mehreren unterschiedlichen Kollektionen, die sich in ihrem Ausdruck und den verwendeten Techniken auffällig unterschieden. Die Stücke reichen von figurativer Skulptur (z.B. die mythologisch inspirierte Ghost-Kollektion) bis abstrakter Komposition (wie der Serie “Die Grenze zum Nichts”). Dabei liegt das Augenmerk immer auf dem Immateriellen hinter dem Objekt und seiner Wirkung auf den Menschen. Durch seine Stücke sucht er das Leben von Menschen zu bereichern und ihnen Begleiter für den Alltag an die Hand zu geben, die ihnen dabei helfen ihre Persönlichkeit auszudrücken.

Tim blieb während der gesamten Dauer der Ausstellung in Bamberg, baute sich sogar eine Pop-up-Werkbank bei uns im Atelier auf. Es sind kostbare Erinnerungen - das gemeinsame Arbeiten, lange Spaziergänge, ein reicher Gedankenaustausch, Kochabende und Begegnungen mit verschiedenen Besucher:innen. Tim stand zur Zeit der Ausstellung vor einer großen Lebensentscheidung - wie weiter, nach dem Master an der HAWK in Hildesheim? Inzwischen ist er in den Schwarzwald gezogen, wo er sich und seine Schmuck-Karriere in den kommenden Jahren weiter entwickeln wird.

Ausstellungseröffnung ZWISCHEN RÄUMEN mit Tim Udvardi-Lakos (vor der Granatapfel-Schaufensterscheibe im grünen Pulli).

Während Tims Ausstellung ergab sich die Gelegenheit, mit allen, die bis jetzt bei uns im Atelier NONNE 11 ausstellten oder ein Projekt umsetzten, gemeinsam essen zu gehen. Aus dem vergangenen Jahr sind noch die Bamberger Künstler Rosa Gies und Gabriel Tarmassi dabei, die Flechtkunst und Holzobjekte als Teil einer dreiteiligen Winterausstellung im Dezember 2021 bei uns ausgestellt haben. Lars Kanter, ebenfalls bei der Winterausstellung 2021 mit dabei, ist hier zum Zeitpunkt der Bildaufnahme gerade noch im Anflug; sein Essen wird mittlerweile in der Mitte warm gehalten.

Wir beide, vor unseren Arbeitsplätzen im Atelier. Das Foto entstand für einen Artikel in der Lokalpresse: Moderne Alchemie im Atelier NONNE 11.

Dieses Jahr war vor allem ein Jahr des Ankommens. Das erste vollständige Jahr im Atelier NONNE 11, ein Jahr in dem sich das Kulturleben in Bamberg wieder räkelte und die Lethargie der Pandemie abzuschütteln versuchte. Es war ein Jahr der Begegnungen – so viele davon, dass ich mir Eselsbrücken bauen muss, um mir alle Namen und Gesichter zu merken. Ein Jahr des Angenommenwerdens, unter Nachbarn, neuen Freunden, der künstlerisch orientierten Community in Bamberg. Ein Jahr der Gespräche, der Ideen und inneren Entwicklungen. Und auch im privaten Bereich ein großes Ankommen und geerdet werden im Glück.

Ich kann also jetzt sagen, dass ich in Bamberg angekommen bin - und dass ich bleibe.

Frohe Weihnachten und ein innerlich reiches neues Jahr 2023 euch allen!

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Inspiring Travel, Jewellery Events Nora Kovats Inspiring Travel, Jewellery Events Nora Kovats

Schmucksymposium: A jewellery gathering

After two years of social starvation, induced by the pandemic, we finally met again. We - that’s my tribe: a global community of jewellery makers, craftspeople, writers, curators, thinkers and art enthusiasts. At Haxthäuserhof Jewellery Symposium (formerly known as Zimmerhof), hidden away in the German countryside between apple orchards near Mainz, about one hundred creative souls gather each year to spend Ascenscion weekend together.

Schmucksymposium:

A jewellery gathering

Meeting at an annual jewellery symposium.
Written in English.

After two years of social starvation, induced by the pandemic, we finally met again. We - that’s my tribe: a global community of jewellery makers, craftspeople, writers, curators, thinkers and art enthusiasts. At Haxthäuserhof Jewellery Symposium (formerly known as Zimmerhof), hidden away in the German countryside between apple orchards near Mainz, about one hundred creative souls gather each year to spend Ascenscion weekend together.

While the logistical organizing team is more or less fixed, the symposium’s theme and content is usually chosen by different team of established artists/practitioners in the field of (contemporary) jewellery each year. This year‘s Haxthäuserhof Schmucksymposium was centered around the theme BLISS - personal bliss, how creative practice can be bliss, what following one’s bliss can mean in different contexts, how to stay on the path searching for one’s bliss - despite all the distraction and horror crowding in from the outside world. Our team for this year - Claudia Hoppe and David Huycke - gathered together a group of remarkable speakers to feed our minds and souls in twelve lectures.

These lectures were interspersed with coffee-breaks and meals prepared by talented Berlin-based chef Christoph Esser (how he manages to create so much flavour in a simple lentil dish remains a mystery to me!), followed by a couple of drinks from the bar, great camp-fire conversation and dancing as the night progresses. Nights were short. Days were overflowing with stimulating creative input.

A sincerely moving lecture by jewellery artist Mirjam Hiller, describing her creative process of coaxing a 3D-object from a flat sheet of metal.

This year’s speakers highlighted the many different paths towards bliss. The gathering included perspectives on creative practices by

  • renowned Dutch designer Aldo Bakker,

  • artistic jewellery maker and researcher Lore Langendries, based in Hasselt, Belgium

  • German art and contemporary jewellery journalist Christel Trimborn

  • German jewellery maker Nicole Walger

  • Danish goldsmith and jewellery trailblazer Kim Buck

  • post-doctoral AI-researcher Anneleen Swillen, based based in Hasselt, Belgium

  • Eva Monnikhof, director of DIVA, diamond museum in Antwerp

  • German philosopher-poet and jewellery maker Mirjam Hiller

  • silversmith and course leader of PXL-MAD School of Arts in Hasselt, Berlgium, Nedda El-Asmar

  • iconic Australian jewellery maker(-poet) Robert Baines

  • German art historian and maker Julia Wild, also teacher at Hochschule Trier

  • well-known Spanish jewellery designer Marc Monzo

Our chef de cuisine, Christoph, who kept everyone well-fed and happy with delicious, wholesome meals for the entire weekend.

Cooking for a hundred people is no easy task.

Schmucktisch.

Ready for the guests. Haxthäuserhof is a beautiful and remote location with the added benefit of having no WIFI and atrocious cell signal.

Schmucktisch.

Together, these lectures wove themselves into a bright and richly textured tapestry, a braid of diverse stories and experiences. The colourful narrative threads had a deeply personal tone in common. These glimpses into the intimacy of someone’s creative practice truly moved me, and left me with an almost-tangible kernel of something golden and solid and precious clutched in my fist, more valuable than money or status or power, a little piece of bliss to hunt for, or at least the certain knowledge that it exists somewhere on this meandering creative path. Not everywhere, not always, but definitely sometimes.

Escaping for a walk in nature between lectures to clear the mind.

Lecture by Danish goldsmith Kim Buck, featuring his well-known Daisy Series referring to the Danish Daisy brooch made in 1940 to commemorate the birth of queen Margarethe.

Many speakers brought examples of their work, allowing participants to have a close-up look, feel the textures, and ask questions about their pieces. Here are animal hide brooches and neckpieces by Lore Langendries.

Kim Buck, one of this year’s speakers, has kindly agreed to organize next year’s symposium together with a jewellery colleague Karin Johansson, based in Gothenburg, Sweden. We are looking forward to their choice of themes and speakers!

A glimpse of the barn where all lectures took place, semi-obscured by a fragrant kitchen garden.

Schmucktisch.

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Nora Kovats Nora Kovats

WARUM EIGENTLICH EMAILLE?

Der Emailletanz, zum Ritual geworden, verbindet für mich die von Geheimnissen ummantelten Traditionen der Alchemie, Goldschmiedekunst und Mystik zu einem verwobenen Ganzen. Dem Arbeitsprozess wohnt für mich eine Magie inne, die es hervorzulocken gilt. Das funktioniert nicht mit Wille und Gewalt, sondern nur durch Zeit und Zuwendung, Geduld, Demut, und dem Wissen, dass dieser Emailletanz mir eine Tor zu etwas Größerem, Mitreißenden öffnen kann.

Warum eigentlich Emaille?

Ein kurzer Essay über meine Emailletechnik.
Auf Deutsch.

Das Emaillieren ist mehr als eine Werktechnik für mich, es ist ein Dialog, ein Tanz, ein Geben und Nehmen, nötig in einen dynamischen Schaffensfluss einzutauchen. Der Prozess des Emaillierens wird so zum Ritual, und die Farben zu Mitgestaltern des Geschehens.

Vereinfacht gesagt, wird beim Emaillieren eine glasähnliche Mischung aus Silikaten und Oxiden entweder in Pulverform oder flüssig auf ein Trägermetall aufgetragen und bei hohen Temperaturen im Brennofen aufgeschmolzen. Der glänzende Glasüberzug erlaubt eine leuchtende Farbgestaltung, die durch komplexe Lichtbrechung in transparenten Farbschichten oder ineinander gemischte, changierende Farbpunkte für das menschliche Auge magisch wirkende Effekte erzielt.

 Oberflächlich gesehen, handelt es sich dabei um eine von vielen Schmucktechniken, die durch moderne Technologien wie elektrische Brennöfen und Pulverpressen wesentlich vereinfacht wurden. Trotzdem trete ich bei meiner Arbeit in die Fußstapfen einer Tradition, die über Jahrtausende hinweg durch aufwendige und okkult verschlüsselte Methoden den Elementen ihre Geheimnisse zu entringen suchte.

 Ich verfalle dem Rhythmus der Arbeit, dem aufwändigen Waschen der Farben, dem Öffnen und Schließen des Brennofens, der Wartezeit der tickenden Bauchuhr, dem glühenden Hitzeschwall, dem metallischen Geräusch des Erkaltens, der Wiederholung der Bewegungen, dem Kreisen um eine nie erreichbare Perfektion. Alles synchronisiert sich zu einem größeren Ein- und Ausatmen. Die Zeit steht still und bewegt sich doch im unaufhörlichen inneren Takt weiter. Ich arbeite im Trance.

 Der Emailletanz, zum Ritual geworden, verbindet für mich die von Geheimnissen ummantelten Traditionen der Alchemie, Goldschmiedekunst und Mystik zu einem verwobenen Ganzen. Wie auch in diesen antiken Künsten, spielen die klassischen Elemente beim Emaillieren eine wichtige Rolle: Das Wasser des Waschens, das Feuer des Brennofens, das Metall und die Farboxide aus der Erde, die chemischen Reaktionen, erst durch die Luft ermöglicht - sie alle bestimmen durch ihren Einfluss den Ausgang des Geschehens.

Dem Arbeitsprozess wohnt für mich eine Magie inne, die es hervorzulocken gilt. Das funktioniert nicht mit Wille und Gewalt, sondern nur durch Zeit und Zuwendung, Geduld, Demut, und dem Wissen, dass dieser Emailletanz mir eine Tor zu etwas Größerem, Mitreißenden öffnen kann.

Emaillebrocken aus fliederfarbenem Opalemaille; im Hintergrund verschiedene Grün- und Gelbtöne.

Emaille, Rot wie Blut, als Splitter im Mörser und als Pulver im Sieb.

Emaillepulver wird auf ein handgesägtes Werkstück aus Kupfer aufgesiebt.

Dabei sind Farben für mich von großer Bedeutung. Schon als Kind war meine Welt von Farben bevölkert; Ziffern, Buchstaben und Töne waren mit bestimmten Farben assoziiert und Wörter oder Zahlenreihen folglich als Farbsequenzen abgespeichert. Die Farben entwickelten eigenen Persönlichkeiten für mich, eigene Wesen mit individuellen Charakterzügen und eigenen Intentionen. Das Emaillieren zog mich wohl deshalb so früh in meiner Schmuckkarriere in seinen Bann, weil ich dort die Begegnung mit den Farben für mich erlebbar machen konnte.

Was wollen die Farben? Wie kann ich sie verstehen lernen, mich annähern? Beim Emaillieren geben sie sich mal zickig und verschrumpelt, dann wieder glatt wie windstilles Wasser, trüb, leuchtend transparent oder opak und verschlossen, verspiegelt, geschmeidig und umgänglich, oder abweisend und spröde; manche verlangen Lage um Lage sorgfältig übereinander geschmolzener Präzision, andere sind beim ersten Versuch speckig-glatt und zufrieden. Schnell beleidigt brennt sich die eine Farbe Löcher in den Rand, eine andere glättet Unebenheiten und Meinungsverschiedenheiten mit großzügiger Gestik.

Um die Farben besser kennen zu lernen, bekommen sie von mir eigene Namen, Alltagsdichtungen, die ich aus persönlichen Erfahrungen und Assoziationen heraus für jede Farbe finde. Dafür muss ich mich im Zuhören üben, muss mich die Farbe etwas angehen lassen, mich ihr vertraut machen. Mir die Farbe vertraut machen - das beutet, sich zu öffnen, sich verletzlich machen. Ich suche nach Namen, die auf der Zunge prickeln, beschreibende Namen wie „Schnee von Gestern“ oder „Geisha Blush“ oder „Madame de Pompadours Kleid“, „Verbrannte Koralle“ oder „sonnendurchflutete Eichenblätter im Frühling“. Ich weiß damit nicht nur genau, was gemeint ist, sondern kann auch einen Fetzen Lebenserfahrung in einer Arbeitschronik greifbar festhalten.

Meine ganz persönliche Farbtabelle.

Von “Disney-Prinzessin-Kleid” bis “Barberton Daisy”: Die Farben bekommen Namen, die für mich ein Stückchen ihres Wesens einfangen, und gleichzeitig eine Beschreibung meiner Realität darstellen.

Farben sind soziale Wesen. Am stärksten ist eine Farbe in Kombination mit genau der richtigen anderen Farbe. Diese Kombinationen ergeben sich oft experimentell, sind unvorhersehbar und einzigartig; mal stärken sich die Farben im Trio, oder schwächen sich gegenseitig in ihrem Auftreten. Selten lässt sich eine gelungene Kombination oder ein Farbeffekt ganz genau duplizieren.

 Und während ich langsam begreifen lerne, erkenne ich, wie viel es noch zu lernen und zu verstehen gibt, und fühle mich von einer Ehrfurcht vor der Größe des Ganzen ergriffen.

Diese innere Welt, verborgen hinter der glänzenden Oberfläche des Emaille und regiert vom Pantheon der Farben und Elemente, begleitet mich auch über den Arbeitsprozess hinaus in meinen Alltag. Die Farbgötter und Elemente beherrschen für mich auch Jahreszeiten, Zyklen, Emotionen, Lebensphasen, Transformationen im Großen und im Kleinen.

 Verlangen die Farbgötter Opfer? Alles hat seinen Preis, und meistens bezahlen wir mit Lebensenergie, mit unserer unwiederbringlich dargebotenen Zeit. Die Farben verlangen echte Hingabe und Aufmerksamkeit, um sich in ihrer vollen Pracht zeigen zu können. Nur durch die ehrlich und ernst gemeinte Bereitschaft, mich ihnen zu widmen, geben die Farben sich wirklich preis. Die Stücke, die aus einer solchen Hingabe geboren sind, flirren in einem eigenen, kaum wahrnehmbaren Energiefeld. Durch diesen Entstehungsprozess, durch die Waschung in reinem Wasser und die Läuterung des Feuers, wird zudem etwas im Wesentlichen der Farben befreit, aus sich selbst herausgelöst, das wohl zu spüren ist aber niemals in Worte zu fassen.

Während ich diesem Weg des Emaillierens folge, kann ich unter endlos vielen Seitenpfaden wählen. Ich kann Goldschmiedekunst, Farblehre und Farbpsychologie durch eine kulturhistorische Linse betrachten, kann mich in die Tiefen der Optik verstricken, in die Mystik und Alchemie eintauchen, oder mich im Zauber der Edelsteine verlieren, von dort zur Geografie und Geschichte des Kostbaren hüpfen, mich in den Wirren eines Krieges stürzen, immer auf der Spur der Frage, was den Menschen zu welcher Zeit etwas bedeutet hat, und warum. Solche Exkursionen bringen mir das Thema mit zunehmender Komplexität näher und verdeutlichen immer wieder für mich eine große Wahrheit: Alles ist mit allem Verknüpft. Alles nimmt Einfluss aufeinander. Und nichts ist jemals Bedeutungslos.

Gerade verschmolzen, bilden sich Farbsprenkel, die manchmal an die feinen Farbpunkte des Pointillismus erinnern.

Ohrschmuck im Werden, auf seinem Stahlgestell abkühlend.

Ultramarin, König der Blautöne - hier in feinen Emaillesplittern, die nur halb aufgeschmolzen sind, um durch diese spürbar raue Oberfläche Spannung zu erzeugen.

Im Alltag begegnen mir oft besondere Farbkombinationen, die sofort in Emaille umgesetzt werden möchten.

“Poeletjie”, Brosche aus Emaille und Silber. Hier bricht sich das Licht im Innern des transparenten Türkisblaus auf geheimnisvoll schillernde Art und Weise.

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Inspiring Travel, Thoughts Nora Kovats Inspiring Travel, Thoughts Nora Kovats

SÜDAFRIKA: VON FELSEN, (WARTE)SCHLANGEN UND VERBORGENEN WELTEN

Eindrücke unserer Reise in mein Heimatland Südafrika.

SÜDAFRIKAREISE

VON FELSEN, (WARTE)SCHLANGEN UND VERBORGENEN WELTEN.
Auf Deutsch.

Wieder in Bamberg ist der Himmel weißgrau und wetterlos – kein Regen, keine Sonne, kein Schnee, keine Bamberger Schäfchenwolken. Nur ein weißes, stilles Nichts, eigentlich perfekt zum Ankommen und Verarbeiten der Reiseeindrücke.

 Zum ersten Mal waren Alvaro und ich also gemeinsam in meinem Heimatland Südafrika, und so sehe ich viele Eindrücke wie mit einer Doppelbrille gleichzeitig ganz neu zum ersten Mal, aber auch als Normalität, als eine Erinnerung an mein früheres Leben dort. Südafrika ist ein Land von beeindruckenden Kontrasten, ein Land der unterschiedlichsten Wirklichkeiten. Unzählige gelebte Schicksale verweben sich zu einem dicken Zopf aus Weltgeschehen, dessen unterschiedliche Stränge doch eigenen Gesetzen und widersprüchlichen Logiken folgen, und dazu so unterschiedliche Selbstverständnisse in sich tragen.

Ein Teil meiner Familiengeschichte flicht sich hier im 19. Jahrhundert ins Geschehen, als ein Schwede nach Südafrika auswandert und dort eine Familie gründet. Wir besuchen meine Großeltern auf ihrem kleinen Weingut, das in den Hügeln um Stellenbosch liegt, zwischen der letzten Düne des Meeres und den ersten Granitbrocken der nahen Berge. Wir besuchen meine Mutter, die Haus und Garten in ein schattiges Refugium verwandelt hat. Wir besteigen den Tafelberg, wandern, fahren ans Meer, besuchen Freunde, streifen durch die Landschaft, sammeln bruchstückhafte Eindrücke. Davon teile ich einige Fragmente.

Der Cabernet Sauvignon meiner Großeltern; die Reben sind so alt wie ich.

Das alte Farm-Wohnhaus im kap-holländischen Stil, fast versteckt im dicht gewachsenen Garten mit Feigen, Palmen, Hibiskus.

Mandelernte. Das kapländische Klima eignet sich bestens für Mandeln, die im Januar aus der grünen Außenschale platzen und dann geerntet werden können. Im großzügig angelegte Obstgarten meiner Großeltern gibt es fast in jeder Jahreszeit Arbeit.

Die steile, von Felsbrocken übersähte Skeleton Gorge ist eigentlich ein Flussbett, in dem einer der vielen Wege nach oben führt.

Auf dem Tafelberg sind ganze Welten in Felsschluchten und Hochplateaus verborgen. An einem sonnigen aber zum Glück etwas windigen Tag führt mein Bruder uns einen Lieblingsweg hinauf. Wir klettern durch die felsige und dicht bewaldete Skeleton Gorge immer höher, und unter uns breitet sich die Millionenstadt endlos und glitzernd aus. Noch höher, und wir sehen das Meer, den großen Bogen der False Bay und die violetten Bergketten dahinter, die das Kap vom Landesinneren trennen. Oben auf der zerklüfteten Ebene des Tafelbergs gibt es zahlreiche Wege, die sich durch die atemberaubende Fynbos-Welt schlängeln. Fynbos gibt es nur hier im Westkap: eine heimische Mischung aus Proteengewächsen, Gräsern, zarten Kräutern und Blumengewächsen, die teilweise so speziell an ihren Lebensraum angepasst sind, dass sie nur in einem winzigen Gebiet überhaupt vorkommen. Wie etwa der Silberbaum Leucadendron argenteum, ein Proteengewächs mit mysteriös schimmernden Samtblättern, das allein an den schattigen Hängen des Tafelbergs wächst, nirgends sonst.


Wir picknicken in einer schmalen Schlucht, mitten in einem Flüsschen, eingebettet in Farne und von knorrige Stämmen beschattet, deren Wurzeln sich auf unverständliche Art und Weise im Gestein verkeilt haben. Das Wasser ist kühl und rein, aber bräunlich wie Tee, und ich schöpfe gierig davon mit hohlen Händen.

Jede Windung im Weg zeigt eine ganz neue Welt, ein neues Mikroklima, eine eigene Mischung aus Sonne, Wind, und Wasser, die jedem Berghang und jeder Schlucht ein individuelles Kleid schneidert. Als Wanderin fühle ich mich klein und unwissend neben den Felsgiganten; was verstehe ich schon von den geheimen Zusammenhängen dieser uralten Welt? Wie wenig durchblickt man beim Durchstreifen dieser Landschaft, man sieht doch bloß das Alleroberflächigste.

Ein Blick zurück in die soeben hinaufgekletterte Schlucht und über die Cape Flats.

Ein schmales Plateau, übersäht von leuchtend lachsfarbenen Watsonien, deren Zwiebelknollen eine Lieblingsspeise der kapländischen Stachelschweine sind.

An einem Flüsschen, das fast die Farbe des heimischen Rooibostees hat, wird Rast gemacht.

Ein alter Baum, verankert im Fels, mit knubbelig-flauschigen Moosinseln bewachsen.

Sogar Wasserreservoirs gibt es oben auf dem Tafelberg: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden hier mehrere Dämme gebaut, um Trinkwasser für die Stadt am Fuß des Berges zu speichern.


Im starken Kontrast dazu steht der Besuch bei Home Affairs, dem Bürgeramt. Denn mein Pass muss erneuert werden. Bereits in Deutschland war ich wiederholt in München beim Südafrikanischen Generalkonsulat zur Verlängerung meines Reisepasses. Das Vorhaben scheiterte an meinen durch die Goldschmiedearbeit abgeschliffenen Fingerkuppen der linken Hand, die im altmodischen Stempelkissen nur mangelhafte Fingerabdrücke hergaben. Bürokratie ist leider in allen Ländern unumgänglich, und so stelle ich mich bei Home Affairs in die Warteschlange, Termine werden nämlich keine vergeben. Stattdessen wartet man in langen Schlangen in der gnadenlosen Sonne; erfahrene Bürokratiegänger kommen mit Campingstuhl, Kreuzworträtsel und Schirm, und einer Tüte voller Geduld. Es gibt sogar professionelle Warter, die sich frühmorgens in die Schlange stellen und später ihren Platz gegen einen Geldschein wechseln, meist zu aufgebrachten Protestklängen der hinter ihnen Stehenden. Jedenfalls fand mein stilles Drama nach vier Gängen zum Amt ein Ende, als ich endlich, nach fast acht Monaten vergeblicher Versuche, mein kostbares Reisedokument in Händen hielt und damit wieder heim nach Bamberg durfte.

Wer klug ist, fährt in entlegene Städtchen ins Bürgeramt, um die sich die allerlängsten Wartezeiten zu sparen, aber selbst hier warten schon mehr Menschen als an diesem Tag drankommen werden (die Schlange führt hinter dem Gebäude um die Ecke).

Auf einem Flohmarktbesuch gehen uns die Augen über: So unendlich viele gelebte Leben, deren Überbleibsel hier auf geblichenen Plastikplanen ausgebreitet angeboten werden, so viele Geschichten, zu viele, sie überhaupt alle wahrzunehmen, geschweige denn einzufangen.

 

Flohmarktgetummel.

Wir beobachten wie eine Frau um einen Föhn feilscht und diesen dann nach erfolgreichem Kauf zusammen mit ihren anderen Einkäufen davonträgt.

Alvaro, immer auf der Suche nach alten Werkzeugen und anderen Schätzen.

Am Meer in der Nähe von Hermanus verliere ich mich in den kleinen Tümpeln, die nur bei Ebbe zwischen den zerklüfteten Felsen zu erreichen sind, nur nach mühsamen Kletterpartien auf den scharfkantigen Steinformation. Die kleinen Mikrokosmen der Gezeiten sind wie umfriedete Paradiese.

Wir besuchen Freunde in Hermanus, wo geheimen Welten in der zerklüfteten Felsenküste die Fantasie beflügeln. An manchen Tagen tummeln sich hier auch Wilderer, die illegal nach Abalone tauchen um diese Delikatesse auf dem florierenden Schwarzmarkt zu verkaufen.

Ich finde Kompositionen aus moosigem Grün und zartem violett, hell-orangene Flecken, kostbare Stückchen Welt die ein Gewimmel von Leben beherbergen. Ich kann sie weder besitzen noch einfangen, denn die Wasseroberfläche schäumt und spiegelt und meine Kamera versagt kläglich. Vielleicht mit Aquarell und Papier, denke ich, auf dem spitzen Fels balanciert, aber vielleicht auch einfach nicht; vielleicht muss man dieses schimmernde Bild allein in der Erinnerung aufbewahren. Manche Tümpel sind dicht mit Seeanemonen besiedelt, in anderen gibt es wieder keine einzige Anemone und dafür eine Menge farbenfroher Seeigel. Und Seesterne, Muscheln, Flechten und Seetang, kleine Krabben, leere und teilweise wieder neu bewohnte Schalen, Totes und Lebendiges durcheinander. Die Grenze zwischen Tier und Pflanze, Alge und Pilz scheint verwischt, der ganze Tümpel atmet im Rhythmus der Gezeiten und wird zur zusammenhängenden Kreatur.

Hermanus.

Wer hat sich eigentlich schonmal die Unterseite eines Seesterns angeschaut?

Farbenfrohe Seeigel, die verschiedene Muscheln und Steinchen mit ihren feinen Saugärmchen festklammern, vielleicht um sich unter dem Geröll zu verstecken.

Das Licht hier im Süden ist anders, ganz eigen, es fällt nachmittags mit weichem Märchenschimmer und überzieht alles mit einem Hauch von Gold-Blau.

Die Farben schillern verheißungsvoll und sind doch beinahe unmöglich einzufangen. Gesprenkelte Seeanemonen verbergen sich zwischen ebenfalls gesprenkeltem Muschelsand, darüber ein Spiegelbild mit Hut.

Leere Gehäuse und ausgelebte Existenzen.

 Die Reise ist zu kurz, all das Gesehene zu begreifen und zu artikulieren, aber es bleibt ein Bodensatz an Eindrücken an der Seele haften. Und die kostbare Erfahrung bleibt, dass jeder seine eigene Geschichte mit sich trägt und seine eigene Wirklichkeit lebt. Wenn ich heute auf meinem Sonntagnachmittagsspaziergang die Bamberger in ihre Wintermäntel gehüllt sehe, freue ich mich auf alle anstehenden Begegnungen im Atelier, auf alle die Schicksalswendungen, die mir im Laufe des Jahres zugetragen und erzählt werden, und die ich dann anschließend als kostbare Erinnerung in Schmuckstücke konservieren kann. Denn das ist mein Leben so wie ich es mir erträumt habe - im Fertigen der Schmuckstücke tragbare Geschichten erzählen.

Zu Besuch auf dem eindrucksvollen Weingut Babylonstoren, dessen aufwendig gestaltete Gemüsegärten alle Gartenliebhaber träumen lässen.

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